Schwarzer Zucker, Rotes Blut

Das ist die unglaubliche Geschichte von Anna aus Kyjiw. Sie hat als Kleinkind unter anderem das KZ Auschwitz überlebt. Trotz vieler vergeblicher Versuche hat sie bis heute nichts zu ihrer Herkunft erfahren. Der Mannheimer Fotograf und Filmemacher Luigi Toscano hat sich auf den Weg gemacht, ihre Spuren zu finden.

Schwarzer Zucker, Rotes Blut

Dokumentarfilm; D 2024; Regie: Luigi Toscano, 90 Min., digital 4k

Anna…
Ob sie wirklich so heißt, weiß sie nicht. Denn außer der vagen Erinnerung an den Klang dieses Namens verbindet sie mit ihrer frühen Kindheit nur eines: grauenhafte Angst. Vor Ärzten, vor Spritzen, vor dem Geschrei der Aufseher – und den bitter-süßen Geschmack eines Stückchen Zuckers am Tag der Befreiung. Anna Strishkowa ist ein Kleinkind, als sie am 4. Dezember 1943 an der Rampe von Auschwitz steht. Weder kennt sie die Namen ihrer Eltern, noch weiß sie, wo sie geboren wurde.

Der italienisch-deutsche Fotograf und Filmemacher Luigi Toscano lernt Anna Strishkowa 2015 in Kyiw kennen. Sie ist die erste Auschwitzüberlebende, die er für die Ausstellung seines Langzeitprojekts „Gegen das Vergessen“ in Babyn Jar porträtiert. Mehr als 500 weitere Überlebende hat er seitdem fotografiert, doch Annas Schicksal lässt ihn nicht mehr los. Die große Leerstelle zu Beginn ihres Lebens liest er als Aufforderung, nicht nur die Gesichter, sondern vor allem die Geschichten der Überlebenden dem Vergessen zu entreißen. Luigi will Anna helfen, ihre Identität zu entschlüsseln.

Doch kurz vor Drehbeginn überfällt Putin am 24. Februar 2022 die Ukraine. Annas Leben ist plötzlich erneut bedroht. Die Bomben, die auf Kiew fallen, katapultieren sie zurück in das Grauen ihrer Kindheit. Luigi bietet ihr an, sie und ihre Tochter Olga von Kyiw nach Mannheim zu holen. Doch Anna lehnt ab. Hitler habe ihre Identität geraubt, von Putin will sie sich nicht noch die Heimat nehmen lassen. Dringlicher denn je stellt sie nun die Frage, wer ihre leiblichen Eltern waren. Über Annas Häftlingstätowierung gibt es zwar eine Bestätigung, dass sie in Auschwitz registriert wurde – doch alle weiteren Recherchen verliefen bislang im Sand. Der Adoptivvater hatte die Tätowierung kurz vor Annas Einschulung entfernen lassen. Um sie zu schützen, glaubt Anna.
Ein sowjetischer Propagandafilm, der Anna als ausgemergeltes Kind kurz nach der Befreiung zeigt, lässt Luigi an der Richtigkeit der bislang angenommenen Häftlingsnummer 69929 zweifeln – und wider aller Erwartungen findet er in einer vergilbten Krankenakte der Gedenkstätte Auschwitz den Schlüssel zu Annas Herkunft.
Die neuen Spuren deuten auf noch lebende Verwandte. Sie führen Luigi und sein Team von Auschwitz in das weißrussische Dorf Pronino, zum Lager Potulice-Lebrechtsdorf in Polen, nach Kyiv und Drohobytsch in der Ukraine, bis nach Unna in Nordrheinwestfalen.
Annas Suche nach ihren Wurzeln verknüpft das dunkelste Kapitel des zwanzigsten Jahrhunderts mit der großen Zeitenwende, in der wir uns befinden. Sie konfrontiert uns mit unserer eigenen Geschichte: Wie müssen wir die Vergangenheit verstehen, um unsere Gegenwart zu begreifen?

Buch, Regie und Produktion: Luigi Toscano
Kamera: Nicolas Mussell, Paul Götz
Kamera Ukraine: Oleksandr Zhuravsky, Denys Krasylnikov
Ton: Yannick Bruch
Ton Ukraine: Sergiy Melnychuk
Schnitt: Paul Götz, Luigi Toscano
Color Correction und Animation: Paul Götz
Illustrationen: Mehrdad Zaeri
Textgestaltung: Silvia Fleck
Musik und Tonmischung: Mathias Kiefer & Andreas Viehöver
Übersetzung: Alina Kuchma
Produktionsassistenz: Max Martin
Historische Beratung: Artem Ieromenko, Sima Velkovich
Koordination: Kateryna Iesikova
Presse: Karolina Jarecki
Beratung: Linda Rodrigez
Grafik: Stefanie Lehmann